Adaptive Rowing: Ursula Schwaller rudert

  Ursula Schwaller auf dem Weg zu neuen Ufern

Die Paralympics in London waren kaum vorbei, gab es auf dem Schiffenensee Sonderbares zu beobachten. Ein Renn-Ruderboot in den chinesischen Nationalfarben und den Logos der letzten WM begann regelmässig seine Runden zu ziehen. Gerudert wird das Skiff (Einerboot) von einer Rollstuhlsportlerin - mangels Ruderdress im Radsportdress der Schweizer Nationalmannschaft. Eine Radrennfahrerin also, auf dem Weg zu neuen Ufern.

Ursula Schwaller, siebenfache Handbike-Weltmeisterin eben aus London mit zwei Bronzemedaillen zurückgekehrt, trainierte nun fast unbemerkt nicht nur auf dem heimischen Schiffenensee, sondern auch im Nationalen Zentrum für Adaptive-Rowing in Sempach sowie auf dem kurzerhand geliehenen Ruderergometer. Das Paralympische Jahr war noch nicht zu Ende, da waren die ersten 100 km auf dem See und mehr als 200 km auf dem Ergometer absolviert.

In der Schweiz fristet Adaptive Rowing noch ein Mauerblümchendasein. Ganze vier Boote zählt das Land. Es gibt keinen Fachbereich beim Behindertensportverband RSS. Umso bemerkenswerter, dass in der kurzen Zeit unter den Strukturen des Nationalen Zentrums für Adaptive-Rowing ein Budget, ein Rennkalender, eine nationale Klassifizierung, eine Trainingsbasis mit Trainerin für Schwaller, sowie beste Kontakte nach Frankreich und Deutschland zur Verfügung stehen.

Seit 5 Jahren ist Adaptive-Rowing paralympisch und geniesst in Deutschland, Frankreich, England, Italien, den USA und vielen Ostblockstaaten grosse Aufmerksamkeit. An den Paralympischen Spielen in London fanden sich unter den Zuschauern auch Ruderfans wie Prinz Williams und Herzogin Catherine.

 

Adaptive-Rowing ist gut in die internationalen Ruderverbände und Ruderclubs integriert und entsprechend professionalisiert. Für Schwaller wird es als nationale Pionierin eine spannende Herausforderung sein, in diesem Umfeld zu bestehen.

Ursula Schwaller ist die erste Schweizer Behindertensportlerin, die von der FISA (Fédération Internationale des Sociétés d'Aviron) klassifiziert und an einem internationalen Ruderwettkampf teilnehmen wird. Als Mitglied der Ruderclubs SA Fribourg und Seeclub Sempach ist sie wie die nichtbehinderten Kollegen in die Strukturen des Schweizerischen Ruderverbands eingebunden. Trainerin Lena Brina (SA Fribourg) und der Leiter des Nationalen Zentrums für Adaptive-Rowing, Hans-Peter Roth (Seeclub Sempach), sind beide langjährige Ruderer mit Wettkampferfahrung und arbeiten – mit entsprechender Weiterbildung – zum ersten Mal mit einer Schweizer Behinderten-sportlerin zusammen.

Ziel ist, erstmals ein Schweizer Boot mit einer Behindertensportlerin an eine internationale Regatta zu bringen. Neben den geplanten internationalen Wettkämpfen sind auch ein bis zwei Einsätze in der Schweiz vorgesehen.

Aber wie sieht es nun mit dem Radsport aus? „Auf keinen Fall stelle ich nun das Handbike in die Garage. Ziel ist vielmehr die Suche nach neuen Impulsen. 2013 wird jedoch auf jeden Fall das Ruderboot Priorität haben, dann sehen wir weiter. Schön wäre, beim Handbiken im Kraftbereich sowie bei den Sprintqualitäten etwas vom Rudersport zu profitieren. Wann – wenn nicht nach dem Paralympischen Jahr – lassen sich schon solche Experimente umsetzen?“

22.01.2013 / Marcel Kaderli