WM Aiguebelette: Hintergrundinterview mit Nico Stahlberg aus dem Schweizer Doppelvierer

  WM Aiguebelette: Hintergrundinterview mit Nico Stahlberg aus dem Schweizer Doppelvierer

Nico Stahlberg hat sich mit seinen Kollegen Barnabé Delarze (Lausanne Sports Aviron), Roman Röösli (Seeclub Sempach) und Augustin Maillefer (Lausanne Sports Aviron) einen ausgezeichneten Vorlauf geliefert. Sie führten bei jeder Zwischenzeit das Rennen an und ruderten mit schönem Rhythmus in der Mittelbahn an der Spitze des Feldes. So gelang Ihnen ein souveräner Start-Ziel-Sieg vor Neuseeland und den USA, der sie direkt für das Halbfinal qualifizierte.

Welche Unterschiede zu anderen internationalen Regatten stellst Du fest?
Ich war bereits je an drei Welt- und Europameisterschaften. Hier in Aigebuelette (Frankreich), wie auch letztes Jahr in Amsterdam (Niederlande) ist die Begeisterung aller Beteiligten am Rudersport im gesamten Umfeld förmlich zu spüren. In Südkorea wurde die Freundschaft organisiert, und wirkte für mich eher inszeniert. Wir bekamen damals bereits beim Eintreffen Geschenke, was ich als wenig authentisch empfand. Unterschiede gibt es auch in der Infrastruktur. Lieber rudere ich auf natürlichen Gewässern, wie hier in Aigebuelette oder Sevilla (Spanien), wo die natürliche Umgebung mehr stimuliert. Erstmals gibt es hier im „Athleten-Zeltdorf“ eine riesige Leinwand, und weitere Bildschirme. So sind wir immer auf dem Laufenden über die Aktivitäten unserer Konkurrenten.

Hast Du Kontakt zu Athleten aus anderen Ländern?
Wir sehen die Konkurrenten aus der gleichen Bootsklasse an jedem internationalen Event wieder und tauschen uns kurz und freundlich aus. Näheren Kontakt habe ich zu Radoje Deric aus Serbien. Er rudert im Vierer ohne Steuermann an dieser Regatta, und Kristof Wilke. Er stammt aus Radolfzell und ruderte im berühmten Deutschlandachter. Wenn wir beide am Bodensee sind, führen wir manchmal ein gemeinsames Training durch. Engeren Kontakt pflege ich zu Athleten der gleichen Altersklasse. Wir sind uns über die Jahre immer wieder begegnet und kennen die Entwicklung des anderen.


Nico Stahlberg aus dem Schweizer Doppelvierer gefällt es auf dem Lac d'Aiguebelette (Bild: Peter Koch)

Tauscht man sich unter Konkurrenten über Trainingsmethoden und Renntaktiken aus?
Kleinere Länder bilden manchmal Trainingsgemeinschaften, absolvieren die Trainings aber individuell. So trainierte einmal Emma Twigg aus Neuseeland, Weltmeisterin 2014 im Frauen-Skiff (Einer), mit uns gleichzeitig auf dem Sarnersee (Trainingszentrum des Schweizerischen Ruderverbands). Da jede Nation Ihre eigene Philosophie hat, wird sehr wenig „abgekupfert“. Effektiv darüber gesprochen wird erst nach den Meisterschaften. Darum ist die abschliessende Ruderparty nach internationalen Events ein guter Anlass, wo – nach der Medaillenvergabe – offener über Methoden, Material und anderes diskutiert werden kann.

Welche Konsequenzen haben Tage an einer Regatta ohne Renneinsatz?
Grundsätzlich ist man ja eine Runde weiter und muss nicht in die Hoffnungsläufe, was wie eine wärmende Decke wirkt. Jedoch soll während dieser Tage die Spannung aufrecht erhalten werden. Wir absolvieren darum ein bis zwei Trainings pro Tag, in denen wir auch einmal die halbe Streckenlänge (1000 statt 2000 Meter) unter Vollbelastung rudern. Wichtig dabei ist der richtige zeitliche Mix zwischen Anspannung und Entspannung. So dass wir am nächsten Renneinsatz genau gleich bereit sind, wie diejenigen, die um ihr Weiterkommen kämpfen mussten.

Interview: Peter Koch
Lac d‘Aiguebelette, 1. September 2015

Links: 
>> Schweizerischer Ruderverband
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>> Schweizer Doppelvierer, Facebook-Site
>> Nico Stahlberg
>> World Rowing Championships 2015
>> Wo ist der Lac d'Aiguebelette? (Google maps)